Strategieforum Außenwirtschaft mit dem chinesischen Botschafter Ken Wu: Perspektiven in unsicheren Zeiten

Seit 50 Jahren pflegen China und Deutschland diplomatische Beziehungen. Seitdem ist das Land zu einer globalen Wirtschaftsmacht aufgestiegen und war in den vergangenen sechs Jahren wichtigster Handelspartner der Bundesrepublik.

Niederrhein – „Der gegenseitige Respekt war von entscheidender Bedeutung für diese Entwicklung“, betonte Ken Wu, Botschafter der Volksrepublik China in Deutschland, in seinem Impulsvortrag beim Strategieforum Außenwirtschaft. „Handel im Wandel? Perspektiven für die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen in unsicheren Zeiten“ lautete der Titel der Veranstaltung, zu der die Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein, die Sparkasse Neuss und der Rhein-Kreis Neuss ins Sparkassen-Forum eingeladen hatten.

Zur Begrüßung stimmten die Gastgeber die 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf das Thema ein. „Unsere Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen“, betonte IHK-Präsident Elmar te Neues: „Die Bewältigung der Corona-Pandemie, der schreckliche Krieg in der Ukraine, der Fachkräftemangel und die zahlreichen geopolitischen Unsicherheiten sind nur einige Stichworte, die zeigen: Wir haben viel zu bewältigen.“ Deshalb freue er sich, den Kontakt zu so einem wichtigen Partner wie China wieder zu intensivieren.

Das war wegen der dortigen harten Corona-Lockdowns in den vergangenen Jahren nicht so leicht möglich. Dadurch sei auch Vertrauen verloren gegangen, sagte Hans-Jürgen Petrauschke, Landrat des Rhein-Kreises Neuss: „Ich wünsche mir, dass wir dort anknüpfen, wo wir vor der Pandemie waren.“ Und auch Cornelia Heusgen, Direktorin Privat- und Firmenkunden bei der Sparkasse Neuss, betonte, wie wichtig das China-Geschäft für viele Firmenkunden ist: „Es ist in unserem Interesse, den freien Austausch von Waren und Dienstleistungen mit China dauerhaft zu sichern.“

Botschafter Ken Wu warf in seinem Impulsvortrag zuerst einen Blick zurück auf die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und China, „denn wenn man sich von der Vergangenheit inspirieren lässt, findet man Orientierung für die Zukunft“. Die einzigartige Zusammenarbeit beider Länder sei deshalb so erfolgreich, weil sie zu einer Win-win-Situation führe. „Kultur- und Systemunterschiede bestehen seit jeher, aber die gemeinsamen Interessen überwiegen“, so Wu. „Es gab und gibt ein großes Kooperationspotenzial für beide Gesellschaften in vielen Bereichen.“

Mehr als 5.000 deutsche Unternehmen sind mittlerweile in China tätig, über 2.000 chinesische Firmen investierten bislang in Deutschland. „Nicht immer wurde dieses Engagement mit Blumen und Applaus begrüßt“, sagte der Botschafter. „Und der Dreiklang, China als Partner, Wettbewerber und Systemrivale zu betrachten, ist momentan in Mode. Das muss dringend korrigiert werden, weil es für Unsicherheit und Verwirrung sorgt.“ Europa müsse Chinas Recht auf Entwicklung respektieren, „denn Wettbewerb ist nichts Schlimmes“. Wu betonte: „Wir sind auf eine Welt der offenen und stabilen Beziehungen angewiesen. Die Welt braucht mehr Brücken als Mauern.“ Und er versprach: „Nach der Pandemie wird China offener sein denn je.“

In der anschließenden Podiumsdiskussion, die von Finn Mayer-Kuckuk, Redaktionsleiter China.Table aus Berlin, moderiert wurde, bekamen die Gäste Einblicke und Einschätzungen von Experten und China-Praktikern – und die fielen sehr differenziert aus: Kosta Karakolidis, Chief Technology Officer der Siempelkamp Machinery and Equipment Co. Ltd. In Qingdao, berichtete, dass sein Unternehmen weiter auf China setze. „China ist ein Zukunftsmarkt, und wir haben uns dort immer willkommen gefühlt“, sagte er. „Aber natürlich sind auch wir von den globalen Herausforderungen betroffen, und die Restriktionen im Reiseverkehr machen uns beispielsweise momentan zu schaffen.“ Um dem zu begegnen, arbeite Siempelkamp daran, noch verstärkter Expertise in China anzusiedeln – durch lokale Fachkräfte.

„China hat zugemacht, und uns Unternehmen wird es dort zunehmend schwer gemacht“, berichtete auch Axel Hebmüller, Geschäftsführer der Kaarster Hebmüller SRS Technik GmbH und Vorsitzender des Außenhandelsverbands Nordrhein-Westfalen. „Es herrscht große Unsicherheit. Deshalb brauchen wir mehr Kommunikation, um wieder Rechtssicherheit zu erlangen.“ Doch es werde immer schwieriger, einen offenen Austausch mit China zu pflegen, wie Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer, Leiter Center for East Asia Macroeconomic Studies (CEAMeS) an der FernUniversität in Hagen, berichtete: „Ein wissenschaftlicher Austausch findet beispielsweise so gut wie nicht mehr statt. Und ich glaube, dass wir noch ein paar Jahre warten müssen, bevor wir wieder nach China reisen können.“

Trotzdem müsse man immer im Dialog bleiben und auch weiter in China investieren, sagte Markus Schyboll, Geschäftsführer der EA Elektro-Automatik GmbH & Co. KG in Viersen. „Allerdings sollten wir aus einer Politik der Stärke heraus agieren“, so Schyboll. „Und in diese Position kommen wir nur, wenn wir uns auch alternative Partner auf dem Weltmarkt suchen.“

Am Ende waren sich die Talkgäste einig: „China bleibt wahnsinnig wichtig für Deutschland“, fasste Moderator Mayer-Kuckuk die Ergebnisse der Podiumsdiskussion zusammen. „Aber das Unbehagen nimmt auf beiden Seiten zu, und es gibt ein Bestreben, die Globalisierung ein Stück weit zurückzudrehen und autonomer zu werden. Das könnte durch ‚freundliche Diversifizierung‘ gelingen: China bleibt ein strategischer Partner für die deutsche Wirtschaft – aber nicht der Einzige.“ (opm)

„Nach der Pandemie wird China offener sein denn je“, versprach der chinesische Botschafter Ken Wu beim Strategieforum Außenwirtschaft im Forum der Sparkasse Neuss. Foto: IHK

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